Das Hochzeitsgast-Probekleid
So nach etlichen Monaten krame ich meinen verwaisten Blog mal wieder hervor – außer der notwendigen Updates ist hier in der Zwischenzeit sonst nichts passiert. Genäht habe ich in der Zwischenzeit zwar einiges, aber die Lust aufs Fotografieren war einfach weg. Vor ein paar Tagen habe ich mein neues Kleid zum ersten Mal getragen und bin zufällig an einer schönen Hauseingangstür vorbeigekommen. Also wurde die Gelegenheit kurzerhand für Fotos genutzt. Normalerweise richte ich mich vor Outfitfotos etwas mehr her, aber das war diesmal nicht drin. Ihr seid vermutlich ohnehin eher wegen des Kleides hier als wegen mir ;-).
Im September bin ich auf der Hochzeit einer lieben Freundin eingeladen. Ich freue mich schon sehr darauf und zu diesem Anlass brauchte ich natürlich ein neues Kleid.
Mit den Jahren, in denen ich schon nähe, habe ich festgestellt, dass ich besondere Anlässe gerne durch ein eigens dafür genähtes Kleidungsstück in meinem Alltag verankere. Viele dieser Kleidungsstücke sind für mich inzwischen eng mit dem jeweiligen Ereignis verbunden. Wenn ich sie Jahre später wieder anziehe, denke ich automatisch an den Anlass zurück, für den sie entstanden sind. Dadurch werden viele meiner selbst genähten Kleidungsstücke gleichzeitig zu Erinnerungsstücken einzelner Lebensabschnitte und Ereignisse.
Für die Hochzeit wollte ich gerne ein lockeres Kleid nähen, das trotzdem etwas Besonderes hat. Ein klassisch elegantes Cocktailkleid hätte einfach nicht zu mir gepasst. Für die Suche habe ich mir bei Threadloop eine (private) Ideensammlung angelegt. Seit Kurzem lassen sich diese Listen per Link teilen, ohne dass sie öffentlich auf Threadloop sichtbar sind. Das finde ich eine sehr praktische Neuerung. So kann man Freunden seine Ideensammlung zeigen, ohne dass sich die gesamte Threadloop Gemeinschaft über eine sehr spezielle Liste wundert.
Wer neugierig ist, welche Schnittmuster es bis in die Endauswahl geschafft haben, kann hier stöbern:
Hochzeits Gastkleid Schnittmuster Ideen (Threadloop).
Entschieden habe ich mich schließlich für das Elena Dress von Schultz Apparel. Von dem Label habe ich bereits den farbenfrohen Waxprint Faltenrock genäht.
Besonders angesprochen hat mich die geraffte Ausschnittlösung. Einen ähnlichen Ausschnitt habe ich bereits bei meinem Avenir Jumpsuit (Friday Pattern Company) genäht und diesen trage ich bis heute sehr gerne. Beim Elena Dress gefällt mir außerdem die Schnürung im Rücken, die das ansonsten eher locker geschnittene Kleid schön auf Figur bringt.
Das Schnittmuster bietet drei Varianten. Genäht habe ich Variante A mit kurzen Ärmeln und dem „Herzausschnitt“ (dazu später mehr). Die Rocklänge bis Mitte Wade ist eine neue Länge für mich und ich war gespannt, wie mir das an mir gefällt.
Da ich mir nicht sicher war, ob mir das Kleid überhaupt steht, gut passt und ich es an mir passend für eine Hochzeit finde, habe ich mich diesmal für ein tragbares Probekleid entschieden. Normalerweise nähe ich Probeteile eher aus weißen Baumwollstoffen (oder fürs Projekt vergleichbare Stoffe) um notwendige Änderungen gut erkennen zu können. Solche Probeteile bewahre ich auf, damit ich Schnittmuster später unkompliziert kombinieren oder neue Ideen schnell ausprobieren kann. Diesmal war ich mutig und habe direkt einen „richtigen“ Stoff verwendet – in der Hoffnung, dass daraus im besten Fall gleich noch ein alltagstaugliches Kleid wird.
Für das tragbare Probekleid habe ich meinen Stoffvorrat durchforstet und bin über einen eigentlich schon aussortierten, aber noch nicht weggegebenen überbreiten Quiltrückseitenstoff von Robert Kaufman gestolpert. Beim Schreiben dieses Blogposts habe ich festgestellt, dass ich den Stoff tatsächlich vor neun Jahren bei der Nadelwelt Karlsruhe gekauft habe. Der arme Stoff hat es nach so langer Zeit wirklich verdient, endlich verarbeitet zu werden.
Im Vergleich zum später geplanten Viskose Leinen Stoff ist der Baumwollstoff zwar etwas steifer und nicht ganz so luftig. Für ein tragbares Probekleid war er aber für mich aussagekräftig genug, da sich Passform, Ausschnitt und Gesamteindruck sehr gut beurteilen ließen.
Besonders überrascht hat mich, wie schnell das Kleid fertig war. Durch die vielen Schnittteile hatte ich eigentlich mit einem deutlich längeren Nähprojekt gerechnet. Die Anleitung ist übersichtlich aufgebaut und auch für weniger erfahrene Näherinnen gut nachvollziehbar.
Ich habe die Nähreihenfolge allerdings etwas an meine Arbeitsweise angepasst. Ich stecke meistens zunächst alle Teile zusammen, die den gleichen Arbeitsschritt benötigen. Danach wird genäht, anschließend alles gebügelt und die Nahtzugaben werden zurückgeschnitten. So arbeite ich mich Schritt für Schritt durchs gesamte Projekt. Im Schnittmuster ist die Reihenfolge etwas klassischer aufgebaut, was für Personen mit weniger Näherfahrung sicherlich sinnvoller ist.
Inzwischen sind Nahttaschen mit nahtverdeckten Reißverschlüssen bei mir zum Standard geworden. Seit meinem Weihnachtskleid 2024 verwende ich diese bei den Kleidungsprojekten anstelle normaler Nahttaschen. Der zusätzliche Aufwand hält sich überraschend in Grenzen, der Nutzen im Alltag ist dagegen riesig. Ehrlich gesagt möchte ich diese Lösung nicht mehr missen.


Der zusätzliche Aufwand für die Reißverschlüsse in den Tascheneingriffen hält sich sehr in Grenzen, der Nutzen im Alltag ist für mich dagegen sehr groß. Gerade auf Reisen, bei Konzerten oder Ausflügen kann ich Wertsachen einfach in die Taschen stecken und muss mir keine Gedanken machen, dass etwas herausfällt oder jemand unbemerkt hineingreift. Nachdem ich, vor etlichen Jahren, auf einem Festival einmal plötzlich eine fremde Hand in meiner Hoodie Tasche hatte, weiß ich verschließbare Taschen deutlich mehr zu schätzen. Zum Glück waren damals meine Wertsachen in der Kleidungsschicht darunter so, dass der Dieb nur in meine benutzten Taschentücher gegriffen hat – das geschah der Person zu Recht!
Zurück zum Kleid: Ein Punkt, bei dem ich dem Schnittmuster zunächst etwas misstraut habe, war die Frage, ob sich das Kleid überhaupt mit BH tragen lässt. Der Rückenausschnitt ist doch sehr weit. Ich hatte eigentlich schon damit gerechnet, den Rückenausschnitt beim eigentlichen Hochzeitskleid noch etwas anpassen zu müssen, damit die BH-Träger später nicht sichtbar sind.

Zu meiner Überraschung war das überhaupt nicht nötig. Einige meiner selbstgenähten BHs haben relativ weit außen sitzende Träger und trotzdem bleiben diese durch das Gummiband im Ausschnitt zuverlässig an ihrem Platz. Zum Beispiel dieser Boylston BH. Auch nach mehrmaligem langen Tragen des Kleids musste ich die Träger kein einziges Mal wieder unter das Kleid schieben.
Vermutlich werde ich beim eigentlichen Hochzeitskleid trotzdem noch BH Träger Halter einnähen. Nicht weil es nötig wäre, sondern einfach damit ich mir auf der Hochzeit darüber keine Gedanken machen muss.
Das Kleid trägt sich ausgesprochen bequem. Über die Schnürung im Rücken lässt sich die Weite sehr gut regulieren, sodass das Kleid weder zu locker sitzt noch einengt.
Etwas überrascht hat mich dagegen der Herzausschnitt. Durch die Raffung kommt die eigentliche Herzform meiner Meinung quasi nicht zur Geltung. An mir wirkt der Ausschnitt eher wie ein flacher V Ausschnitt. Mich stört das überhaupt nicht, wer sich aber gerade wegen des Herzausschnitts für Variante A entscheidet, sollte das vielleicht im Hinterkopf behalten.
Für das eigentliche Hochzeitskleid habe ich ein paar kleine Änderungen am Schnitt vorgenommen. Der Ärmelabschluss hat jetzt zwei Zentimeter mehr Umfang, damit der geraffte Ärmel etwas bequemer sitzt. Beim Probekleid habe ich das einfach über eine kleinere Nahtzugabe „angepasst“.
Außerdem habe ich die Brustabnäher um 2,5 cm gekürzt und 3 cm weiter zur Mitte versetzt. Beim gemusterten Probekleid fallen die etwas zu langen Abnäher kaum auf. Beim einfarbigen Viskose Leinen Stoff wären sie vermutlich deutlich sichtbarer gewesen.
Und damit reihe ich mich heute in die schöne Runde des Me Made Mittwochs ein. Heute begrüßt uns Carola von Nähkatze , die eine traumhafte Tencel Winslow Culotte zeigt. Viel Spaß beim Lesen der interessanten Beiträge der Teilnehmenden. Vielen Dank an die Me Made Mittwoch Crew für eure unermüdliche Arbeit uns diese schöne Aktion möglich zu machen.
Schnittmuster: Elena Dress von Schultz Apparell Version A in Gr. 38 mit Nahttaschen von einem anderen Schnittmuster (sind in der Taille mitgefasst).
Bei Threadloop gibt es zum heutigen Zeitpunkt für das Elena Schnittmuster zwei veröffentliche Projekte und vier Bewertungen.
Material: Robert Kaufman überbreiter Quilt Backing Stoff (ich glaube der lag 2,6m breit), Gummiband (Ausschnitt), Einlage, Nahtband (Ausschnitt vorne, Tascheneingriffe) 2x nahtverdeckter Reißverschluss (für die Taschen)
Änderungen: Nahttaschen mit nahtverdeckten Reißverschlüssen ergänzt, Gummiband im Ausschnitt gekürzt, Ärmelabschluss mit mehr Umfang versehen & folgedessen die Ärmel einen Tick weniger gerafft, Brustabnäher gekürzt und weiter zur Mitte versetzt.
Fazit: Bin sehr zufrieden mit dem tragbaren Probekleid und werde das eigentliche Hochzeitskleid fast identisch nähen. Der wunderbar fallende Viskose Leinen Stoff liegt bereits zugeschnitten bereit und ich freue mich schon sehr darauf.

18 Kommentare
Anja
5. August 2026 um 9:37
Das ist ein wirklich sehr schönes Schnittmuster mit einigen Besonderheiten, insbesondere der Schnürung am Rücken und der Raffung am Ausschnitt. Gefällt mir sehr, auch an dir. Der Stoff ist auch toll und er hat es wahrlich verdient vernäht zu werden, lgAnja
Muriel
10. August 2026 um 7:44
Hallo Anja,
vielen Dank für deinen lieben Kommentar.
Lieber Gruß,
Muriel
Naehkatze Carola
5. August 2026 um 9:42
Das Kleid ist wunderschön und ich hätte nicht gedacht, dass es sich hierbei im das Probekleid handelt. Der Stoff entspricht zu 100% meinem Geschmack und es ist schön, dass der Kaufmann-Stoff jetzt nach so langer Zeit endlich seine Bestimmung gefunden hat.
Muriel
10. August 2026 um 8:47
Hallo Carola,
freut mich, dass dir das Kleid so gut gefällt, obwohl es „nur“ das Probekleid ist. Ich war selbst überrascht, wie gut sich der Quiltrückseitenstoff dafür geeignet hat.
Lieber Gruß,
Muriel
quod erat reparandum
5. August 2026 um 13:07
Das hast du schön formuliert mit den Anlasskleidern als Erinnerungsstücke. Vielleicht komme ich da auch irgendwann hin, wenn auch eher mit Oberteilen oder schönen Hosen als mit Kleidern.
Dein Probekleid ist auf jeden Fall wunderschön geworden und mit den Reißverschlusstaschen auch noch praktisch!
Muriel
10. August 2026 um 8:50
Hallo quod erat reparandum,
vielen Dank für deinen netten Kommentar. Ich hatte mit Anlasskleidern nicht „Kleider“ als alleiniges Kleidungsstück gemeint – das können natürlich alle Kleidungstücke oder auch Accessoire sein.
Lieber Gruß,
Muriel
Kuestensocke
5. August 2026 um 13:14
Toller Schnitt und auch schon diese Variante ist wundervoll und steht Dir ganz hervorragend. Ich fremdel immer etwas mit tiefen Rückenausschnitten aber bei den jetzigen Temperaturen ist das tatsächlich eine Option über die ich mal nachdenken sollte. So ein Ausschnitt sieht nicht nur toll aus, er kühlt ja auch 🙂 LG Kuestensocke
Muriel
10. August 2026 um 8:52
Hallo Kuestensocke,
Hallo Kuestensocke,
vielen Dank für das liebe Kompliment. Das Fremdeln mit tiefen Rückenausschnitten kann ich gut nachvollziehen. Solange es nicht super warm ist, „zieht“ es mich das dann im Rücken 🙂
Lieber Gruß,
Muriel
Gabi – langer-faden
5. August 2026 um 22:18
Das Kleid sieht schon in dieser Variante festlich aus und es passt gut zu dir. Beim vorderen Ausschnitt legen sich die Falten so schön, das gefällt mir sehr. LG Gabi
Muriel
10. August 2026 um 8:52
Hallo Gabi,
vielen Dank, das freut mich sehr. Die Raffung am vorderen Ausschnitt war für mich auch einer der Hauptgründe für dieses Schnittmuster.
Lieber Gruß,
Muriel
Mel
7. August 2026 um 19:13
Ich finde es immer wieder schön, wenn weitere Erinnerungsstücke bei dir entstehen. Vor allem, weil ich weiß wieviel Mühe drin steckt, alleine schon bei der Vorbereitung und den Gedanken zum richtigen Schnittmuster. Aber auch, weil du dir im Nähprozess immer so viel Mühe gibst und anpasst, wo und wann immer es nötig ist.
Der Schnitt ist wirklich raffiniert. Vor allem solche gerafften Ärmel mit Gummiband kenne ich bisher von keinem anderen Schnitt. Richtig toll finde ich die Rückansicht. Der offene Rückenausschnitt zusammen mit der Raffung und der hinteren Schnürung – das könnte glatt ein Kleid aus einer wunderschönen Netflixserie sein
Muriel
10. August 2026 um 8:53
Hallo Mel,
vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Die Vorbereitung mit der Ideensammlung (& die vielen Stunden, die man damit verbringen kann) gehört für mich genauso zum Prozess wie das Nähen selbst.
Lieber Gruß,
Muriel
Sandra
7. August 2026 um 21:53
Liebe Muriel,
unglaublich, dass es sich um ein Probekleid handelt.
Tolles Kleid, das eigentliche Kleid wird ganz sicher super werden.
VG
Sandra
Muriel
10. August 2026 um 8:53
Liebe Sandra,
vielen Dank. Ich war selbst überrascht, wie gut das Probekleid geworden ist, und bin jetzt zuversichtlich fürs eigentliche Hochzeitskleid.
Lieber Gruß,
Muriel
sienaehtschonwieder
8. August 2026 um 0:11
Ganz bald klaue ich deine Idee mit den Reißverschlusstaschen, es ist einfach so schlau. Hoffentlich nähe ich bald mal wieder was mit Nahttaschen.
Grüße, Tina
Muriel
10. August 2026 um 8:53
Hallo Tina,
klau ruhig, dafür ist die Idee ja da;-) Der Aufwand ist überschaubar, der Nutzen im Alltag umso größer.
Lieber Gruß,
Muriel
Heike
8. August 2026 um 21:28
Das Kleid sieht toll aus und der RV an den Taschen ist sehr praktisch.
LG, Heike
Muriel
10. August 2026 um 8:54
Hi Heike,
vielen Dank. Die Reißverschlüsse an den Taschen möchte ich inzwischen nicht mehr missen.
Lieber Gruß,
Muriel