… und plötzlich ist die ganze Welt anders … und ruhiger

Wer hätte vor ein paar Wochen damit gerechnet, dass wir mal Securitymitarbeiter in normalen Supermärkten & Drogeriemärkten benötigen, damit diese Toilettenpapier “überwachen”. So vieles hat sich in den letzten Wochen geändert und vieles ist nicht mehr selbstverständlich. Kein gemütlicher Plausch mit den Kollegen in der Kaffeeküche, kein (spontaner) Besuch bei Freunden und von der Verfügbarkeit von Drogerieartikeln und Lebensmitteln mal ganz zu schweigen. Wobei ich mir sicher bin, dass die Ursache dafür eher im veränderten Kaufverhalten liegt, als an einer echten Knappheit der Artikel, zumindest derzeit noch.

Gerade aktuell bin ich sehr froh, dass ich mit dem Nähen ein Hobby habe, dass ich trotz allem noch quasi uneingeschränkt ausüben kann.

Mit “meinen” Nähmädels mache ich das ja schon lange, dass wir uns online via Facetime zum gemeinsamen Nähen verabreden. Ich finde das nach wie vor eine tolle Möglichkeit, Zeit zusammen mit seinem Hobby zu verbringen, ohne, dass lange Fahrten oder riesige Packaktionen notwendig sind. Falls ihr noch auf der Suche nach einem Nähbuddy seid: Schaut mal auf Instagram in den  “Finde deinen Nähbuddy”-Post von @deutschlandnaeht (initiiert durch Anna von Zwergstücke) rein, dort in den Kommentaren suchen und finden sich Gleichgesinnte.

Eigentlich hätten wir am vergangenen Samstag unser monatliches kleines lokales Nähtreffen gehabt, dieses wurde kurzentschlossen durch Yacurama ins Netz verlegt und unter dem Hashtag #samstagsnähtreffen (das meiste wurde via Storys geteilt und ist online nicht mehr verfügbar) haben sich über den Tag spontan etliche Näherinnen eingefunden, die in den Storys davon berichtet haben, was sie gerade nähen. Das war sehr toll.

Ich freue mich sehr, dass es inzwischen so viele zusätzliche Möglichkeiten gibt, offline-Aktivitäten ins Internet zu verlegen. So möchten der Mann und ich mal einen Spieleabend mit den Freunden übers Netz ausprobieren – da müssen wir aber noch ein bisschen recherchieren.

Während ich es in den ersten Tagen der Selbst-Isolation (zu der wir ja alle angehalten sind) noch komisch fand, habe ich mich inzwischen an das Gefühl gewöhnt, nur noch rauszugehen, wenn es unbedingt sein muss bzw. um sich kurz die Beine zu vertreten. Der Mann und ich haben angefangen, abends nach dem Homeoffice, wenn das Wetter es zulässt, einen Spaziergang zu machen. Das ist einer der schönen neuen Aspekte der aktuellen Situation. Des Weiteren gönne ich mir morgens extra Zeit und habe mit dem Yoga (via Videos) angefangen. Diese zusätzliche gewonnene Zeit schätze ich sehr.

Mir ist klar, dass ich dadurch, dass ich niemanden zu betreuen habe, aktuell in einer sehr privilegierten Situation bin. Was es mir natürlich auch wesentlich einfacher macht, mit der aktuellen Situation umzugehen.

Was mich zurzeit aber sehr beschäftigt, sind die unzähligen Anfragen nach genähten Gesichtsmasken von offiziellen Organisationen, sowie Arztpraxen (z.B. Zahnärzten) und Hebammen an Näherinnen. Wer hätte gedacht, dass unsere Nähfähigkeiten einmal bei einer Pandemie Verwendung finden?! Über die sozialen Medien sehe ich, dass Näherinnen aus der ganzen Welt aktuell die Anfragen von ihren lokalen Organisationen erhalten. Ich bin entsetzt, dass die Nachfrage anscheinend nicht annähernd durch den Markt gedeckt werden kann – ich glaube, sonst würde kaum eine Fachkraft bei Hobbynähern anfragen.

fleißige Helfer 🙂

Es gibt online einige Studien, die die Effizienz von selbstgenähten Gesichtsmasken untersucht haben, so kam unter anderem eine Cambridge Studie zu dem Schluss, dass diese Masken zwar einen geringeren Effekt bieten als die professionell gefertigten, aber immer noch einen besseren als ohne Maske. In anderen Studien, auf die z.B. in einem Artikel von Smartairfilters “Can DIY Masks Protect Us from Coranavirus”, eingegangen wird,  wird gezeigt, dass diese selbstgenähten Masken immerhin 50 % der Partikel aufhalten. Des Weiteren kommt noch hinzu, dass gerade jüngere Menschen Überträger des Virus sein können, ohne selbst Krankheitssymptome zu zeigen. All das zeigt, dass es aktuell durchaus Sinn ergibt, dass sich Menschen, die eben nicht im Homeoffice arbeiten können, sich bemühen, irgendwie an Masken zu kommen. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es aktuell ist, als z.B. Zahnärztin, Hebamme etc. ohne Masken arbeiten zu müssen. Woher soll man wissen, ob man nicht doch unwissentlich das Virus an andere überträgt? Gerade, wenn man trotz allem noch viele Kontakte haben muss.

Als ich am Wochenende den Aufruf der  “Lebenshilfe Karlsruhe, Ettlingen und Umgebung” gelesen habe, habe ich zusammen mit dem Mann mit dem Nähen solcher Masken angefangen.  Leider kann kein direkter Link zu dem Artikel gesetzt werden deswegen zitiere ich diesen hier (das “gefährliche” andere Wort für Gesichtsmasken habe ich im untenstehenden Zitat ersetzt):

“300 pädagogische Fachkräfte betreuen über 400 Menschen mit Behinderung in WGs und Wohnheimen der HWK gGmbH – teilweise rund um die Uhr. 60 Mitarbeiter*innen sorgen in unseren fünf CAP-Märkten täglich für einen sicheren Einkauf.

Um die Menschen mit Behinderung, unsere Kundinnen und Kunden und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den kommenden Wochen ausreichend zu schützen, brauchen wir in den kommenden Wochen ganz viele Gesichtsmasken für Erwachsene. Der Fachhandel liefert nicht genug Nachschub an medizinischen Gesichtsmasken . Deshalb brauchen wir Eure Hilfe! Wer hat Zeit und kann nähen? ….”

Inzwischen bin ich auch Mitglied in der von Anna (zwergstücke) organisierten Gruppe, die sich abstimmt und für verschiedene lokale Organisationen Gesichtsmasken näht. Auch in der lokalen Tageszeitung BNN war heute ein längerer Artikel zu den Aufrufen zum Gesichtsmasken nähen drin.

Falls ihr in eurer Umgebung auch von solchen Aufrufen mitbekommt, ist es wichtig, dass ihr Informationen einholt, was für eine Art von Maske benötigt wird? Soll/darf Draht verarbeitet werden? Sind Gummibänder okay, oder doch lieber Stoffbänder? … deswegen tue ich mich hier auch schwer, konkrete Tipps zu geben. Deswegen fragt die “Auftraggeber” nach den Anforderungen, die diese für ihre Arbeit an solche Masken haben.

Die ersten Masken, welche ich genäht habe, sind eine Mischung aus dem Schnitt von Craftpassion und der “Fu Face Mask” von Freesewing.org. Beim Schnitt habe ich den von Craftpassion verwendet, aber die untere Rundung von Freeswing.org verwendet, weil diese Maske bei mir und dem Mann im Kinnbereich besser saß, aber insgesamt die Passform der Craftpassionmaske besser war. Anstatt der Gummibänder habe ich jedoch Bänder aus Stoff verwendet. Diese scheinen sich gerade beim langen Tragen während einer Arbeitsschicht besser zu machen als der Zug durch die Gummibänder an den Ohren. Wie oben erwähnt, wenn ihr für andere näht, fragt diese danach, wie die Maske sein müsste.

Allerdings ist diese Maske recht aufwändig zu nähen, gerade mit der Möglichkeit, noch einen Filter einzulegen. Deswegen habe ich dann einen der Schnitte ausprobiert, die in der oben genannten Gruppe von Anna empfohlen wurden – die Maske von HappyDanDong TV. Die Maske passt mir von der Größe sehr gut, hat auch die Möglichkeit, einen Filter einzulegen, und lässt sich um Welten schneller nähen als die, die ich als erstes aufgrund der Anfrage der Lebenshilfe genäht habe. Auch hier habe ich die Gummibänder durch normale Bänder ersetzt. Für ein größeres Gesicht wäre die Maske allerdings zu klein. Ich werde jetzt also noch eine größere Variante testen.

In den Medien wird berichtet, dass inzwischen auch Trigema, der Unterwäschehersteller May sowie Manomama Gesichtsmasken produzieren und die sind ja wesentlich schneller und effektiver als wir Hobbynäherinnen. Somit besteht die Hoffnung, dass es in absehbarer Zeit auch wieder Masken gibt, die die Kliniken und Co. regulär beziehen können.

Zum Abschluss noch eine positive Sache, das freut wahrscheinlich die Podcasthörerinnen unter euch. Chrissy und ich haben endlich mal wieder die Zeit gefunden, eine gemeinsame Podcastfolge in der Reihe “Zwischen Nadel und Faden” aufzunehmen. Diese wird in den nächsten Tagen veröffentlicht.

Also passt auf euch und eure Lieben gut auf und kommt gut durch.

Update 25.03.2020:

Zum einen bin ich gestern noch auf diesen Blogpost von Schnittenliebe gestoßen, dort kann nach PLZ sortiert geschaut werden, ob lokal Masken benötigt werden.

Desweiteren ist mir heute auf Twitter ein Artikel mit dem Thema “Corona: Textilproduzenten stellen auf Atemschutzmasken um” über den Weg gelaufen. Dieser stimmt mich sehr hoffnungsvoll, dass es demnächst / zeitnah wieder (zertifizierte) Masken aufm regulären Markt zu kaufen gibt.

Update 26.03.2020:

Sehr interessanter englischsprachiger Artikel, der die Frage beleuchtet “Should Makers Sew Fabric Masks for Healthcare Workers?” sowie im historischen Kontext auf die Zeit nachm zweiten Weltkrieg eingeht.

Update 27.03.2020:

Auf maskezeigen.de unter Downloads gibt es Beipackzettel, die man Dritten geben kann für die man Masken genäht hat. Darauf zu finden ist der wichtige Hinweis, dass die Masken nicht zum Selbstschutz, sondern zum Abhalten von “Spucke” von Anderen gedacht sind. Desweiteren wichtige Informationen zur Nutzung und Wäsche der Masken.

Die Webseite ist im generellen sehr interessant – schaut sie euch mal an: maskezeigen.de

Update 29.03.2020:

Auf ihrem Blog crafteln.de hat Meike einen sehr empfehlenswerten Blogpost über den Wert, der in dieser unbezahlten Arbeit mit den Masken steckt veröffentlicht.

Update 24.04.2020:

Die Sewcialists haben auch einen interessanten Blogpost zu der Sicht auf die weltweite Maskennäherei geschrieben.

Unterschrift Muriel

Von
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2 Kommentare

  • Tüt

    Hallo Muriel,
    toll, dieser doch etwas fundiertere Beitrag über genähte Masken. Als die ersten Aktionen in diese Richtung kamen, habe ich ja noch den Kopf geschüttelt. Mittlerweile wird aber zum Glück die Information, dass sie keinen gleichwertigen Ersatz zu den professionellen Alternativen darstellen mitgegeben, und dann lässt es sich deutlich besser aushalten. Ich bin, wie du, fassungslos, dass es so weit kommen muss, dass wir in unseren Privaten Vorräten stöbern um Masken für das Gesundheitssystem zu nähen. Auch mein Arbeitgeber stellt jetzt wohl auf Masken aus Stoff um, um den hohen Bedarf zu decken, und das ist eine Universitätsklinik … verrückte Zeiten. Ich selbst schaffe es erstmal nicht, mich da reinzufuchsen, finde es aber toll, wie mal wieder so ein schöner Zusammenhalt entsteht. Auf die neue Folge freue ich mich sehr!

    24. März 2020 um 22:15 Antworten
    • Muriel

      Hi Tüt,
      vielen Dank für deine Rückmeldung zu diesem Blogpost. Habe mich sehr darüber gefreut.

      Ich bin heute auf einen Artikel gestoßen, in dem die Firmen aufgelistet werden, welche nun auch in die Produktion von Gesichtsmaske eingestiegen sind. Das stimmt mich hoffnungsvoll, dass demnächst der Markt den Bedarf wieder selbstdecken kann und den Organisationen dann zertifizierte Masken zur Verfügung stehen. (Ich füge den Link noch in den Blogpost hinzu).

      Lieber Gruß,
      Muriel

      25. März 2020 um 16:31 Antworten

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